Aus der Angst in die Freiheit

large

Heute möchte ich mit einer neue kleine Serie zum Thema Angst beginnen. Da ich mich kürzlich auf meiner überarbeiteten About Seite geoutet habe dachte ich es ist an der Zeit, über meinen Schatten zu springen und ein wenig mehr über dieses Thema zu erzählen. Angst ist ein Thema das uns alle mehr oder weniger stark betrifft. Jeder Mensch hat bestimmte Ängste und eine immer größer werdende Anzahl von Menschen leiden unter krankmachenden Ängsten, sogenannten Angst- und Panikstörungen. Die Welt berichtete im November 2011 das in Europa schätzungsweise 14% – das ist jeder 7. Bürger – unter einer Angststörung leidet. Angststörung dient als Überbegriff für diverse Ängste, Phobien und Befürchtungen. So fällt z.B. eine Agoraphobie (Angst vor offenen, weiten Plätzen) ebenso unter den Aspekt der Angststörungen wie Angst vor bestimmten Tieren, dem fliegen, Höhenangst usw. Werden die Ängste unspezifisch und bestimmten das gesamte oder zumindest einen Großteil des Lebens, so spricht man von einer generalisierten Angststörung bei der es ebenfalls im Zuge der Sorgen und Ängste zu Panikzuständen kommen kann. Bei einer Panikstörung leiden die Betroffenen unter plötzlich auftretenden Panikanfällen die ohne einen ersichtlichen äußeren Grund auftreten können. Ich selbst litt ein Jahrzehnt unter einer stark ausgeprägten Panik- und generalisierten Angststörung. Leiden ist ein sehr passender Ausdruck für diese Zeit, denn die Angst bestimmte Tag- und Nacht jeden Aspekt meines Lebens und ich hätte zur damaligen Zeit nie geglaubt das ich es einmal schaffen würde dies alles hinter mir zu lassen. Doch ich hab es geschafft, ich bin ein lebendes, glückliches und erfülltes Beispiel dafür, dass es möglich ist sich aus seiner Angst zu befreien und in Freiheit zu leben. Deswegen, um anderen Menschen Mut zu machen und denjenigen Hoffnung zu geben die ihre bereits verloren haben, möchte ich etwas zu diesem Thema schreiben.

Meine Geschichte
Ich war ungefähr 12 Jahre alt als ich das erste Mal eine Panikattacke erlitt. Sie überkam mich aus heiterem Himmel, unerwartet und überraschend. Ich war auf einer Party für Teenis, stand am Rand einer Tanzfläche und beobachtete die tanzende Masse. Mir ging es gut, ich genoß es den anderen Kindern und Jugendlichen zuzusehen als sich plötzlich gefühlt die Erde unter mir auf tat. Mir wurde plötzlich schwindelig, alles um mich herum schien nur noch in Zeitlupe abzulaufen und wie durch dichten Neben an mich heran zu dringen. Es war ein Gefühl als wäre ich der Welt entrückt und es machte mir die schlimmste Angst die ich jemals in meinem Leben gespürt hatte. Jede Zelle meines Körpers war in höchster Alarmbereitschaft, es war als würde mein Körper mir sagen: „Tu sofort etwas oder du fällst gleich um und bist tot.“ In meiner Verzweiflung lief ich zum Ausgang und suchte bei einem Security Mann Hilfe der mich über die Warteschlange nach draußen hinweg trug und meiner Mutter übergab. Ich war vollkommen aufgelöst und weinte fürchterlich. Ich führte das Erlebte auf eine Art Kreislaufschwäche zurück und dachte schon bald nicht mehr daran zurück.
Doch die Attacken kamen wieder, erst nicht sehr häufig aber alle paar Monate, dann alle paar Wochen. Mit 13 lag ich nach einer heftigen Attacke die mich dazu veranlasst hatte nicht mehr laufen, sondern nur noch krabbeln zu können, fast eine Woche im Krankenhaus doch die Ärzte fanden nichts. Anstatt auf die Idee zu kommen es könne sich um psychische Ursachen handeln vermutete man weiter Kreislaufprobleme. Mit 15 Jahren wurde es so schlimm das sich aus der Panikstörung langsam eine generalisierte Angststörung entwickelte. Die Attacken kamen immer häufiger und begannen mir Angst zumachen. Innerhalb weniger Tage hatte ich Attacken auf einer Abiturfeier, einem Wochenendseminar unserer Jugendgemeinde, an der Supermarktkasse, auf dem Weg zur Schule. Schlussendlich konnte ich das Haus nicht mehr verlassen, egal wo ich hinging, sofort überkam mich die nackte Todesangst, mein Herz raste, meine Gliedmaßen wurden taub und meine Kopfhaut kribbelte. Mittlerweile war ich überzeugt unter einer schlimmen Erkrankung zu leiden und meine Eltern gingen mit mir zum Arzt um mich von Kopf- bis Fuß durchchecken zu lassen. Ein freundlicher und zugewandter Neurologe eröffnete uns nach ca. 1 1/2 Wochen endlich eine Diagnose. Wie er es sagte wirkte es ein bisschen wie: „Herzlichen Glückwunsch, sie sind gesund, sie haben nur eine Angststörung.“ Er lächelte mich aufmunternd an und erklärte ich müsse mich zukünftig einfach nur meinen Ängsten stellen, dann verschwänden sie wieder und fragte ob ich dabei Hilfe in Anspruch nehmen wolle. „Mich einfach nur meinen Ängsten stellen? Dieser Mann hat ja wohl leicht Reden!“ ging es mir durch den Kopf. Innerhalb des nächsten Monats hatte ich meine erste Therapiesitzung bei einer Verhaltenstherapeutin. Ich wollte diese Angst wieder loswerden, aber ich wußte nicht wie ich es ohne Unterstützung schaffen sollte.
Nur um ein Gefühl für das Ausmaß meiner damaligen Ängste zu geben, ihr dürft euch mein Leben zu dieser Zeit und in den nächsten Jahren ungefähr so vorstellen: Es war mir die ersten Wochen nach meiner Diagnose nicht möglich alleine und freihändig nach draußen zu gehen. Sobald ich einen Schritt vor die Tür setzte ging es los. Ich konnte mich nur in Begleitung fortbewegen, musste mich bei jemandem einhaken oder die Hand halten. Nach einiger Zeit schaffte ich es „alleine“ – im Sinne von „freihändig“ zu gehen, aber wirklich alleine raus, das konnte ich nicht. Meine Mutter brachte mich wieder zur Schule, meine beste Freundin begleitete mich nach Hause. Ich konnte nicht alleine in einen Zug oder Bus steigen, in kein Geschäft, nicht einmal die Straße herunter gehen. Selbst in Begleitung zählten viele Situationen zu meiner persönlichen Hölle. Eisessen, im Café sitzen, Kino, Geschäfte, Discotheken, Clubs, eigentlich fast alles Öffentliche raubte mir die letzte Kraft. Ironischerweise bekam ich sofort Panik auf großen, weiten Plätzen, unter vielen Menschen und in großen Gebäuden, jedoch leider ebenfalls in kleinen, engen Räumlichkeiten und alleine. So richtig wohl fühlte ich mich also einfach nirgends. Man kann sich vorstellen welche Konsequenzen diese Ängste für mein Sozialleben hatten. Die meisten Teenager – und leider auch sehr viele Erwachsene – haben wenig bis kein Verständnis für diese merkwürdigen Verhaltensweisen. Eine Freundin die das Haus kaum verläßt, mit der man nicht mal ausgelassen shoppen gehen kann und die auch für wilde Partynächte nicht zu haben ist, wird schnell langweilig.
Panikattcken hatte ich in den Jahren im Vergleich zur Anfangszeit nur wenige. Alle paar Monate vielleicht, aber was blieb und mir das Leben schwer machte war die Angst vor der Angst. Die Befürchtung überall und jederzeit wieder eine Attacke erleiden zu können. Der Schwindel, das Herzrasen und all die als „Warnstufe rot“ gespeicherten Symptome die mich tagtäglich begleiteten und natürlich von mir selbst immer wieder entfacht und provoziert wurden. Kamen die Attacken waren sie manchmal so schlimm das ich im Anschluss vor lauter Anstrengung erbrach und stundenlang von Muskelzittern in Folge des Adrenalinabbaus durchgeschüttelt wurde. Kurzum: Das Leben war kein Ponyhof.Bevor ich 18 Jahre alt wurde lernte ich meine erste große Liebe kennen. Verliebtsein ist ein wunderbares Gegenmittel und verleiteten einen dazu Heldentaten anzugehen. Um meinen Freund zu sehen war ich gezwungen alleine Bus- und Bahn zu fahren. Gemeinsam mit jemandem an der Seite den ich liebte traute ich mich auch Situationen durchzustehen die ich sonst eher vermied. So besuchte ich Partys und Konzerte, fuhr auf ein Festival, bewegte mich freier durch Städte und Geschäfte etc. Im Großen und Ganzen erkämpfte ich mir einige Freiheiten, doch sie waren alle angstbesetzt. Auch wenn ich sie durch stand und ohne Panikattacken davon kam durchlebte ich sie mit Sorgen und Befürchtungen und kämpfte gegen immer wieder aufkommende Panikgefühle an. Lange Jahre glaubte ich das es keine Möglichkeit für mich gäbe angstfrei zu leben, sondern das es mir nur möglich wäre zu lernen mit diesen andauernd unangenehmen Gefühlen umzugehen. Oft machte ich 3 Schritte vor und zwei wieder zurück, es war ein auf und ab das stark von meinem allgemeinen psychischen Befinden abhing. Je glücklicher ich war, desto besser ging es. Gab es Konflikte und Probleme rutschte ich per Express zurück. Die Jahre vom meinem 17ten Lebensjahr  bis in die frühen Zwanziger waren sehr bewegt und von emotionalem auf- und ab gekennzeichnet. Ich schaffte es einfach nicht eine klare Linie hinsichtlich meiner Angststörung zu fahren und sie endlich hinter mir zu lassen.
Doch irgendwann sollte alles anders kommen. Mittlerweile war ich von zu Hause aufgezogen, ich lebte in einer fremden Stadt mit meinem damaligen Partner zusammen. Zu meinen neuen Prüfungen gehörte tägliches U-Bahn fahren, Großstadtleben und der Beginn meines Studiums an einem großen, vollen und unübersichtlichen Campus. Ich hatte mich von vielen Ängsten freigekämpft doch nun stand ich plötzlich in diesem neuen Leben und merkte wie mir alles zu viel wurde. Ich machte rasante Rückschritte, konnte erneut kaum alleine vor die Tür, bekam schon Panikanflüge wenn ich nur gegenüber beim Bäcker eine Tüte Brötchen kaufen wollte. Ehrlich gesagt, ich war es einfach satt, so unglaublich satt. „Jetzt reichts mir endgültig mit dieser SCH****“ ging es mir durch den Kopf. Also begann ich zu recherchieren. Meine Therapie war schon länger beendet und hatte mich trotz starker Bereicherung auch nach Jahren nicht an den erhofften Punkt gebracht. In meiner Verzweiflung bestellte ich mir ein Selbsthilfebuch, geschrieben von einer Betroffenen. Tatsächlich war dies der ausschlaggebende Punkt. Diese Frau litt selbst über ein Jahrzehnt unter der gleichen Erkrankung und hatte es geschafft sich zu heilen. Sie lebte komplett angstfrei, für mich ein Wunder, unfassbar. Da sie wußte wovon sie sprach, fiel es mir viel leichter auf ihre Tipps und Hinweise zu hören. Ich dachte mir „wenn sie es geschafft hat, kann ich es auch“. Also begann ich ihr Programm in die Tat umzusetzen, dafür setzte ich mir eine Deadline von einem Jahr. Bis dahin wollte ich das Ziel „angstfrei Leben“ erreicht haben. Der Anfang war schwer denn er bestand aus einem harten Konfrontationsprogramm während ich zusätzlich an meinen Glaubenssätzen und meiner Denkweise arbeitete. Aber es wurde von Monat zu Monat leichter, bis ich plötzlich merkte das ich es geschafft hatte: Die Angst war weg!
Wie sich mein Leben seitdem gestaltete, inwiefern mich meine Ängste noch heute begleiten und was jeder Mensch der unter einer Angsterkrankung leidet für sich tun kann, darüber mehr in den nächsten Beiträgen.

Foto-Credits: Meerbild

Merken

Merken

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich bin einverstanden